Jüdisches Kulturhaus

Über 100 Jahre wurde die Turnhalle der ehemaligen israelitischen Töchterschule ihrem Zweck entsprechend genutzt, doch an heutigen Maßstäben gemessen entsprach sie nicht mehr den baulichen Anforderungen. Eine neue Nutzung für die denkmalgeschützte Halle musste gefunden werden. Diverse Ideen wurden entwickelt bis sich die Schulbehörde und das Bezirksamt Mitte sowie der Sanierungsbeirat des Karolinenviertels darauf verständigten, die Halle wieder ihrem ursprünglichen Nutzer zuzuführen: Ein jüdisches Kulturhaus sollte entstehen.

Die Planungsaufgabe bestand zum einen in der denkmalgerechten Sanierung der gründerzeitlichen Turnhalle und ihrer Nutzung als Gebets- und Versammlungsraum sowie der Errichtung eines Anbaus mit Café, Seminar- und Verwaltungräumen. Der für eine Erweiterung zur Verfügung stehende Raum beschränkte sich auf einen schmalen Streifen seitlich der Halle zwischen Brandwand und den unter Schutz stehenden Bäumen. Neben diesen baulichen Einschränkungen galt es auch die sensiblen Denkmalschutzbelange zu beachten und die aufgrund der geplanten Nutzung notwendigen hohen Sicherheitsanforderungen zu erfüllen.

Der Entwurf basiert auf dem Grundgedanken die Turnhalle als geschichtsträchtiges Gebäude so weit wie möglich in den Erbauungszustand zurück zu versetzen, sie als dominierenden Bauteil des jüdischen Kulturhauses heraus zu heben und den Anbau als untergeordnetes, modernes Bauwerk in einem angemessen respektvollen Abstand zu errichten.
Der steinernen Dominanz und gestalterischen Verspieltheit der Halle sollte ein leichter, puristischer Bau mit klarer Linienführung gegenüber gestellt werden, Für die Umsetzung dieser Idee fiel die Wahl auf Holz als bestimmendes Material, da dieser Baustoff eine gewisse Leichtigkeit assoziiert.
Leitendes Motiv bei der Gestaltung der Fassade war neben dem klaren Fugenraster die Adaption der Kleinteiligkeit und zurückhaltenden Farbigkeit des Gelbklinkermauerwerks der Turnhalle.
Über eine Glasfuge mit dahinterliegendem Erschließungsflur wird der Anbau unter Wahrung des nötigen Abstandes an den Bestand angeschlossen. Die gläserne Fuge findet sich auch an der Eingangsseite des Neubaus wieder und untergliedert den Gesamtkomplex in zwei gleiche Kuben.
Die Reduktion der äußeren Erscheinung auf die Materialien Holz und Glas wurde bewusst gewählt um eine schlichte, zurücknehmende Erscheinung mit hoher Durchlässigkeit zu erhalten.

Die Garten- und Platzgestaltung folgt dem ästhetischen Minimalismus des Anbaus, es entsteht ein stimmiges zurückhaltendes Gesamtensemble zwischen den flankierenden Gebäuden.

Bei der inhaltlichen und konstruktiven Umsetzung galt es zum einen die ehemalige Turnhalle technisch und energetisch zu ertüchtigen und zum anderen die bewusste Reduzierung des Neubaus konsequent durchzuhalten und dabei den in Teilen konträren Anforderungen von Baubehörde, Denkmalschutz und Landeskriminalamt gerecht zu werden.
In enger Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutzamt wurde der Grundriss der Halle wieder hergestellt, das Dachgebälk freigelegt, einzelne Bauteile behutsam erneuert und längst verloren gegangene Holzeinbauten in stilistisch reduzierter Form neu angefertigt. Die geforderte Ausstattung mit moderner Haus- und Sicherheitstechnik wurde für den Betrachter unsichtbar in Fußboden, Decken und hinter Wandbekleidungen wie dem umlaufenden Brüstungslambris sowie festen Möblierungselementen verlegt.

Der Neubau wurde auf einer weit über die Fundamente auskragenden Stb.-Bodenplatte errichtet. So konnten mehrere wichtige Faktoren gleichzeitig erfüllt werden: Das Wurzelwerk der unter Schutz stehenden Bäume wurde nicht verletzt, das Gebäude „schwebt“ über dem Terrain und der empfindliche Sockelbereich der Holzfassade wurde weit aus dem schlagregenbeanspruchten Bereich heraus gezogen.

Die offene Lärchenholzverschalung der Aussenwände setzt sich Innen fort und umschließt die Kuben vollständig, ein Materialbruch wird vermieden und die Oberflächenhaptik des Holzes allseitig erfahrbar.
Die technische Ausstattung wurde hinter der Lärchenholzverkleidung verborgen, kaum sichtbare Revisionsöffnungen in das Fugenbild der Schalung eingearbeitet, sowie Schalter und Steckdosen in das Raster eingepasst. Die Klarheit der Räume und die Linienführung der Holzoberfläche werden nicht durch Schächte oder Aufbauten gestört …